Wie wird eigentlich ein Roman übersetzt?

Parallel zu meiner Reihe über die Spieleübersetzungen möchte ich auch noch auf die Übersetzung von Romanen eingehen, die im Allgemeinen einem üblichen Muster folgt.
Alles beginnt damit, dass mich eine Verlagslektorin bzw. ein Lektor fragt, ob ich ein bestimmtes Buch übersetzen möchte. Meist schickt man mir gleich einen Link zum Buch oder das Manuskript mit, damit ich mir einen ersten Eindruck verschaffen kann. Sobald ich mich entschieden habe und das Buch sowie das Manuskript als Word- oder PDF-Datei vorliegen habe, kann es losgehen.
Einige meiner Kolleginnen und Kollegen lesen sich den ganzen Roman erst einmal durch, aber ich muss gestehen, dass ich einfach sofort anfange. Beim Übersetzen markiere ich mir fragliche Stellen, beispielsweise wenn mir nicht klar ist, ob sich Charaktere duzen oder siezen, mir nichts Peppiges für ein Wortspiel einfällt oder ich Begriffe gründlicher nachschlagen muss, weil ich beim Googeln nicht auf Anhieb eine Lösung finde und erst einmal weitertippen möchte. Oftmals klären sich Dinge ja schon später im Buch oder man hat unter der Dusche oder beim Kochen eine zündende Idee …
Wenn die „Rohübersetzung“ steht, geht es ans Feintuning, was bedeutet, dass ich mir die ganze Übersetzung noch einmal vorknöpfe und durchgehe. Danach sind im Allgemeinen auch alle Unklarheiten beseitigt und ich lese das komplette Manuskript noch ein weiteres Mal ohne den Ausgangstext, um zu sehen, ob die Übersetzung an einigen Stellen noch holprig ist. (Diese Schritte werden auch gern mal abgekürzt, wenn es pressiert und die Zeit knapp wird … :-/)
Dann naht auch schon die Deadline und die Übersetzung geht ins Lektorat. Bei einigen Verlagen bekomme ich das überarbeitete Manuskript nach dem Lektorat und manchmal auch noch mal nach dem Korrektorat erneut auf den Tisch, um die Änderungen anzunehmen oder abzulehnen. Ist das alles erledigt, kommt gelegentlich noch die Fahnenkorrektur (was wiederum nur bei einigen Verlagen der Fall ist) und meine Arbeit ist abgeschlossen.
Irgendwann erscheint dann das Buch und ich freue mich über meine Belegexemplare und hoffentlich auch gute Rezensionen. 🙂

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Buchtipp: »Child 44« von Tom Rob Smith

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Arbeitsmittelverschleiß

  1. Hallo =)
    bin durch Zufall über deine Seite gestolpert und bin positiv überrascht. Der Beruf einer Übersetzerin klingt sehr interessant und vielseitig! Vor allem Bücher zu übersetzen muss spannend sein 🙂 Viel Erfolg noch weiterhin!

  2. Su

    Eine Frage: ist es heutzutage üblich – oder überhaupt MÖGLICH, Romane von einem Programm übersetzen zu lassen ? Ich lese nämlich gerade ein DERART schlecht übersetztes Buch – kaum vorstellbar, dass das ein Mensch aus Fleisch und Blut verbrochen haben könnte ! Höhepunkt: Ehemann wird mir „Hausband“ übersetzt ???

    • Puh, das ist ja heftig, was du da mit diesem Buch durchmachst. Aber ich kann dir versichern, dass kein renommierter Verlag eine solche „Übersetzung“ auf den Markt bringen würde. Übersetzung, Lektorat und Korrektorat werden da immer noch von Menschen übernommen und garantiert nicht von Maschinen.
      Theoretisch möglich ist es durchaus, ganze Bücher von Programmen automatisch übersetzen zu lassen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Programme heutzutage schon durchweg brauchbare Ergebnisse liefern.

  3. Laura

    Danke für den interessanten Beitrag!
    Wie nah bleibt man beim Überstzen eigentlich am Originaltext? Wird aus einem Satz auch manchmal zwei und kann man die Reihenfolge zweier Sätze tauschen?

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